Ich stehe, was das Musik machen angeht, immer noch ganz am Anfang. Teils weil mir die Zeit fehlt, teils weil ich keinerlei theoretisches Wissen zu dem Thema habe, sondern alles aus dem Bauch heraus tue. Und ja, ich hab’s aufgrund letzterem nicht immer ganz leicht. Ideen und Vorstellungen sind da, ab wenn man dann am Keyboard sitzt und seine Sound-Libraries geladen hat, ist der Kopf entweder wie leer, oder es will einfach nicht umgesetzt werden.

Vor Kurzen stieß mich ein Arbeitskollege, der ebenfalls Musiker ist, auf eine Internetseite, die https://aiva.ai heißt. Es handelt sich hierbei um Projekt, bei dem man gewisse musikalische Vorgaben machen kann. Eine künstliche Intelligenz komponiert dann innerhalb von Sekunden ein komplett neues Musikstück. Ich war der Ideen sofort begeistert! Wie immer, wenn ich was neues kennen lerne. Doch mein Kollege war es nicht.

Und so brachte mich seine Argumentation durchaus ins Grübeln. „Wenn das so weitergeht, dann braucht man bald nicht mal mehr kreative Leute. Keine Musiker, keine Maler u.s.w.“ Ja, auch Gemälde werden inzwischen in durchaus passabler Qualität von künstlicher Intelligenz erschaffen. Und wenn man es einfach so ungefiltert betrachtet, möchte ich da gerne zustimmen. Klar, künstliche Intelligenz greift derzeit immer auf das Material zurück, welches bereits von Menschen geschaffen wurde. Aber irgendwann wird diese so weit ausgereift sein, dass sie auch selbst imstande ist, einen eigenen Kunststil zu entwicklen.

Eigene Versuche mit künstlicher Intelligenz

Wie klingt den eigentlich Musik, die von Computern auf Basis von Algorithmen erstellt wurde? Hier ein kleines Beispiel:

Soundtrack, komponiert von künstlicher Intelligenz

Beeindruckend, oder? Ich habe es dann einfach mal selbst ausprobiert und mich auf AIVA.ai angemeldet. Man kann sich kostenlos einfach Songs erstellen lassen, nachdem man den Stil, die Länge und die Tonart ausgewählt hat. Auch das Tempo des Stücks kann man definieren. Und drückt dann auf „Create your Track“.

Die Ergebnisse waren nie so gut, wie es die Videos auf YouTube es einem weiß machen wollen. Warum?

  • Die Musik wirkt statisch. Man findet in den Ergebnissen kaum Modulation und Dynamik.
  • Häufig kommt es mir auch ein klein wenig kauderwelschisch vor, weil einfach keine Struktur in den Stücken ist.
  • Man könnte niemals einen Track so veröffentlichen können.

Aber es gibt noch einen sehr viel wichtigeren Grund:

Es ist für deswegen keine „Kunst“, weil der Mensch dahinter fehlt. Egal, ab man sich ein Gemälde anschaut oder sich ein Musikstück anhört, stellt man (oder zumindest ich) irgendwann auch die Frage nach dem „Wer?“. Musik erzählt immer eine Geschichte. Ich verschlinge auf Youtube Videos darüber, wie die Musik eigentlich entstanden ist, die ich so wundervoll finde. Beispiele:

Kunst braucht Geschichten

Das Album „Polarstern“ von Schiller. Den Musiker Schiller mag ich schon sehr lange. Eigentlich seit seiner allerersten Single. Und „Polarstern“ ist für mich nach wie vor ein absolutes Highlight in seinem Schaffen. Musikalisch von Anfang an verliebt, aber als ich die Geschichte hinter dem Album erfuhr, wurde es noch wertvoller. Christopher von Deylen ließ sich auf einer Nordpol-Expedition zu diesem Album inspirieren. Und in einer Reihe von Videos erzählte er von der Reise. Und fortan hörte ich das Album noch sehr viel intensiver. Die Bilder zu dieser Musik waren im Kopf viel plastischer.

Das Album „All Melody“ von Nils Frahm. Der Berliner hat eine ganz eigene Art, Musik zu machen. Für ihn ist es nicht einfach, irgendwas zu komponieren, und es dann einzuspielen mit den Instrumenten und Computern, die ihm zu Verfügung stehen und die ihn auszeichnen. Jeder Song ist ein Experiment. Er kramt Instrumente raus, die heute keiner mehr benutzt. Und so wird jedes Stück einmalig. In der Zeit der Entstehung des Albums ist er mit seinem Studio in das Berliner Funkhaus in der Nalepastraße eingezogen – ein Ort, der historischer kaum sein kann und wo ich zusammen mit einem Sinfonieorchester und einem Chor aufgetreten bin. So wird Musik für mich zu einer Geschichte.

Ja, ich finde dieses AIVA-Projekt wirklich spannend. Aber steht sie für sich alleine, ist sie einfach nur eine Hülle. Nicht mehr. Aber das einzige, was ich hierfür übrig habe, ist einfach nur die Faszination darüber, was so alles möglich ist. Und vielleicht noch die Bewunderung für denjenigen, der sowas auf die Beine gestellt hat. Sie beschränkt sich aber eher aufs Technische. Zumal ich mich prinzipiell schon mal für Technik interessiere. Jemand, der damit gar nichts zu tun hat, dem fehlt selbst diese Komponente.

Künstliche Intelligenz kann höchstens ergänzen

Und damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt und bei meiner Person. Als Anfänger in der Musikproduktion und im Komponieren kann AIVA höchstens einen unterstützenden Faktor haben. Vielleicht, um mir mal eine Inspiration anzubieten. Oder mir dabei helfen, zu lernen, wie so ein klassisches Orchester arrangiert wird. Ja, vielleicht mopse ich mir auch mal eine kurze Sequenz, und baue sie dann um und aus.

Also, wenn das Hirn einfach mal leer ist und nichts vorangehen will, ist AIVA und seine künstliche Intelligenz durchaus nützlich. Aber sofern am Ende nicht die Hauptarbeit von einem echten Menschen getan wird, hat das nichts mit Kunst zu tun. Es bleibt bei einer Faszination für Technik, mehr aber nicht.